Von Reise­berichten und Eindrücken

Die Reportage von der letzten Etappe der Nahostreise einer Delegation des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK im letzten bulletin gab Anlass zu Diskussionen. Für den Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund äussert sich nun der Theologe und Historiker Zsolt Keller zum Thema Mauerbau in Israel.

Von Zsolt Keller *

Dass Christen ins «Heilige Land» reisen und davon berichten, hat eine lange Tradition. Israel beherbergt eine Vielzahl von Kulturgütern, dem das Judentum und Christentum sowie der Islam eine grosse Bedeutung beimessen. Der SEK-Delegierte Christian Vandersee hat für die Novemberausgabe des SEK-Bulletins einen persönlichen Bericht über eine Israel-Reise verfasst, der neben eindrücklichen Schilderungen auch schwierigere Zwischentöne enthält. Die zum Ausdruck gebrachte Empathie gegenüber der misslichen humanitären Lage breiter Bevölkerungsschichten ist nachvollziehbar. Humanitäres Leid ist in jedem Fall zu bekämpfen.
Es ist offenkundig, dass die politische Situation im Nahen Osten verschiedenen Interpretationen obliegt. Auch die Sprache – sei sie subtil oder nicht – verrät Standpunkte und Ansichten. Die Reise ging neben dem «Heiligen Land» auch in «besetzte palästinensische Gebiete» oder schlichter in «besetzte Gebiete» oder eher pauschal in den «Nahen Osten», wobei bei letzterem meist auf die Probleme bei der Einhaltung der Menschenrechte hingewiesen wird. Dem Leser wird bei der Lektüre klar, dass hier – auch wenn er nicht explizit genannt wird – vom Staat Israel die Rede ist. Vereinfacht bleibt nach der Lektüre hängen: Israel besetzt, unterdrückt und demütigt. Israelische Soldaten und Politiker – meist ist nur von ihnen die Rede (dabei gibt es offen-kritische Journalisten, Intellektuelle und Politiker im Land) – sind pauschal naiv und in ihren politischen Ansichten unverrückbar. Andere Stimmen gelten eher als Ausnahme.

Israel ist ein demokratischer Staat westlichen Zuschnitts
Vielleicht müsste in einem Bericht auch darauf hingewiesen werden, dass Israel ein demokratischer Staat westlichen Zuschnitts ist, dass in Israel unabhängige Gerichte Recht sprechen, dass in der Knesset lebhaft und sehr kontrovers über diesen Staat, seine Aufgaben, Ziele und seine Identität diskutiert wird. Die israelischen Medien berichten offen über die Ereignisse im Land. Sie nehmen auch kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, Unrecht anzuprangern. Schauen wir auf die umliegenden Staaten, so sehen wir auch (absolutistische) Erb-Monarchien, in denen Familien – hoffentlich gerecht und weise – über ihr Volk herrschen.
Reisen leben von Eindrücken und Erinnerungen, die wir mit nach Hause nehmen. Die meisten sind uns lieb, andere fallen befremdend oder unangenehm aus. Diese Eindrücke wollen und müssen wir zu Hause verarbeiten. Die Gefahr, dass von einzelnen Eindrücken auf das grosse Ganze geschlossen wird, ist nicht zu leugnen. Je prägnanter der Eindruck, desto allgemeiner die Aussage. Fremde Eindrücke verarbeiten wir mit uns bekannten und gängigen Bildern. Durch den Vergleich soll beim Gegenüber ein klarer Eindruck entstehen, wovon gesprochen und berichtet wird.
Nehmen wir als Beispiel die «Grenzmauer» oder den Sicherheitszaun, den Israel errichtet hat. Da ist im Bericht vom «real existierenden Israel mit Mauer und Besetzung» die Rede. Dieser Vergleich ist gefährlich: Das Bild des real existierenden Sozialismus der DDR, die die «Berliner Mauer» – das europäische Symbol der schändlichen Teilung zwischen Ost und West – hervorgebracht hat, steigt unweigerlich vor dem inneren Auge auf. Die ältere und mittlere Generation hat die Mauer noch erlebt. Vielleicht standen auch einige Leserinnen und Leser direkt davor oder besser, sie standen an. Diese Mauer ist mittlerweile gefallen. Dem Fall gingen Gespräche und historische Umwälzungen voraus. Es ist gefährlich und auch falsch, Israel mit dem menschenverachtenden Regime der DDR zu vergleichen. In Israel gibt es keine Staatssicherheitspolizei (Stasi), die ihre eigenen Bürgerinnen und Bürger verfolgt, demütigt und einsperrt. In Israel herrscht kein rigides Einparteiensystem, das sich nur dank enormen finanziellen Hilfen aus dem Ausland an der Macht halten kann.

Der Zaun als sinnvolle und effektive Sicherheitsmassnahme
Mauern und Zäune haben immer zwei Seiten: Aus israelischer Sicht dient der Zaun zur Sicherheit und hat primär die Aufgabe, Terroristen das Eindringen nach Israel zu verunmöglichen. Als Sicherheitsmassnahme ist er sinnvoll und effektiv. Dies lässt sich mit Zahlen eindrücklich belegen: Seit dem Bau des Zaunes im Jahre 2002 sank die Zahl der Selbstmordattentate von 60 auf nahezu 0. Die Anzahl der Verletzten verringerte sich in den ersten drei Jahren nach der Errichtung des Sicherheitszaunes von 2307 auf 113 und die Zahl der Todesopfer sank im gleichen Zeitraum von 451 auf 17. Die an den Grenzübergängen und Checkpoints verursachten Unbequemlichkeiten sind ärgerlich und hie und da auch stossend. Sie sind jedoch vorübergehend. Wenn Menschen bei Attentaten sterben, ist dies endgültig.
Will man die israelischen Massnahmen vergleichen, drängen sich andere Vergleiche auf. Eine Journalistin hat unlängst im Magazin des Tages-Anzeigers einige aktuelle «Mauerbauten» aufgelistet: Ägypten baute 2008 seinen Zaun zum Gazastreifen hin zu einer Mauer aus. Saudi-Arabien investierte unlängst einen zweistelligen Milliardenbetrag in eine Mauer zum Irak. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate wollen illegale Einwanderer aus Oman mit einer Mauer fernhalten. Doch es brauchen nicht immer Beispiele aus dem Nahen Osten zu sein: Die Grenze zwischen Amerika und Mexiko wird auch «Tortilla Wall» genannt. Die chinesische Regierung lässt gerade eine Mauer an der Grenze zu Nordkorea errichten.
Die israelische Politik an der europäischen Vergangenheit und ihren Untaten zu messen, ist nicht rechtens. Die gefährlichen Bilder der Vergangenheit darf man nicht missbrauchen. Sie vermögen eine Wirkung zu entfalten, die das gesellschaftliche Klima nachhaltig vergiften kann. Daran sind Menschen guten Willens kaum interessiert.
Doch eines ist klar: Dass Zäune errichtet und Mauern gebaut werden, stellt kein Ideal dar. Kritik und Solidarität mit den Menschen auf beiden Seiten der Mauer ist ein Gebot. Hier können und müssen wir unsere Kräfte dazu aufwenden, Zäune und Mauern niederzureissen – in den Köpfen und auf den Strassen! Hierin liegt eine grosse gesellschaftliche und politische Herausforderung.

In einer Freundschaft soll und muss Kritik Platz haben
Dennoch lohnt sich ein vertiefter Blick in die Vergangenheit: Das Verhältnis zwischen Israel und Kirche wurde nach 1945 fundamental neu definiert. Waren es doch in der Schweiz insbesondere die evangelisch-reformierten Kirchen, die sich nach den Schrecken des Krieges, den Verfolgten annahmen und eine von Respekt und Dialog geprägte Beziehung zwischen Christentum und Judentum anstrebten. Lange ist die Liste der hervorragenden Frauen und Männern, die sich um den christlich-jüdischen Dialog in der Schweiz verdient gemacht haben. 1977 veröffentlichte der Schweizerische Evangelische Kirchenbund ein Arbeitspapier («Überlegungen zum Problem Kirche-Israel»), das aus einer Diskussion zum Verhältnis Kirche und Israel hervorgegangen war. Darin war zu lesen: «Wir erachten es als Aufgabe der christlichen Kirchen und aller Christen, für das Lebensrecht des uns verbundenen jüdischen Volkes [...] und seines Staates einzutreten und Israel in seiner zunehmenden Isolierung beizustehen. [...] Wir erachten es genauso als Aufgabe der christlichen Kirchen und aller Christen, für die Würdigung des Lebensrechtes der palästinensischen Araber einzutreten.» Dies sind deutliche Worte und eine Aufgabe zugleich.
Freundschaften und Beziehungen verändern sich mit den Jahren. In einer Freundschaft soll und muss Kritik Platz haben. Auch Beleidigungen kommen vor. Das alles gehört zum Menschen. Alles in allem soll die Basis einer Freundschaft nicht aus den Augen verloren werden. Ehrliche Kritik ist wertvoll. Sie sollte ausgewogen sein. Dies ist auch die Grundlage eines jeden Dialogs, der immer nach neuen Impulsen sucht.

* Zsolt Keller, Dr. phil. et lic. sc. rel., studierte Geschichte und Theologie. Sein wissenschaftliches Interesse gilt der Geschichte und Kultur der Jüdinnen und Juden in der Schweiz.

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3 Antworten zu Von Reise­berichten und Eindrücken

  1. Geeser Roman schreibt:

    Auch mich hat der Bericht des SEK-Beauftragten Chr. Vandersee zum letzten Teil der Nahostreise beschäftigt. Bis heute ist es doch das erklärte Ziel der Hamasführung, den Staat Israel auszulöschen. Es ist schwierig, Friedensverhandlungen zu führen, wenn man keinen Verhandlungspartner hat. Dass die Vernichtungsdrohungen ernst gemeint sind, das unterstreicht der iranische Präsident als Drahtzieher in Gaza und im Libanon regelmässig. Der Rückzug Israels aus Gaza wurde mit der Beschiessung von Sderot “belohnt”, einer Stadt die notabene nicht in den besetzten Gebieten liegt. Dass Israel nach 62 Jahren Existenzkampf blüht und gedeiht, ist ein modernes Wunder. Gott sei Dank!
    Dr. Roman Geeser, Präsident Gesellschaft Schweiz-Israel, Sektion Basel

  2. Guyer, Hansruedi schreibt:

    Ja, auch die Sprache verrät Standpunkte: Keller bezeichnet den „Zaun“ als „sinnvolle und effektive Sicherheitsmassnahme“. Der internationale Strafgerichtshof in Den Haag beurteilte die „Mauer“ als illegal, weil sie unverhältnismässig sei und palästi-nensisches Territorium verletze. Keller verschweigt, dass die Sperranlage fast aus-schliesslich auf palästinensischem Gebiet verläuft, bis 20 km tief über die Grenze vorstösst und Siedlungen, fruchtbares Land und wasserreiche Quellen auf die israeli-sche Seite holt, dass 50’000 Palästinenser zwischen Mauer und Grenze eingesperrt sind – wenn’s um die Sicherheit ginge: sind diese denn kein Risiko für Israel? Zum „Zaun“, einer 70-100m breiten Sperranlage, gehören Stacheldrahtpyramiden, Pat-rouillierungsstrassen, Schützengräben, Überwachungskameras und Sensoren, Mi-nenfelder, Wachtürme, meist geschlossene Tore für Bauern, die ihr Land nur noch selten erreichen können. Und wo die Sperranlage tatsächlich eine Mauer ist (etwa 5% nur, meist in Städten), ist sie mit 8m doppelt so hoch wie die Berliner Mauer. Wem wird denn da nicht der „Eiserne Vorhang“ einfallen? – Wer solche Tatsachen verschweigt, macht sich verdächtig, den guten, sachlichen Reisebericht von Vander-see mit billiger Propaganda widerlegen zu wollen.
    NB: Die Mauer wird auch für Sprayereien benutzt, etwa „THIS WALL (TOO) MUST FALL“

  3. Ernst Hänzi schreibt:

    Ich empfehle Interessierten der jüngeren Geschichte des Raums Palästina/Israel die Lektüre der beiden Bände von Tom Segev (Es gab auch ein Land Palästina/1967) und Moshe Zimmermanns “Die Angst vor dem Frieden” – das israelische Dilemma. Sie zeigen eindrücklich die Geschichte und das Verhalten verschiedenster Menschen im 20. Jahrhundert bis heute, seien sie nun Träger einer öffentlichen Funktion oder einfach Privatpersonen.
    Einen Zaun als “sinnvolle und effektive Sicherheitsmassnahme” zu bezeichnen, ist nach der Lektüre nicht mehr möglich. Viel eher müsste er als Zeichen der “Friedensblockade mit anderen Mitteln” verstanden werden.
    Ernst Hänzi

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