Gewinnen ist alles

Wir leben in einer Zeit zunehmender Kommerzialisierung des Leistungs­sports. Die menschliche Dimension von Wettkampf und Leistung findet je länger je weniger Beachtung. Die damit verbundenen spirituellen und ethischen Herausforderungen werden ausgeblendet.

Von Denis Müller *

Der Sprache des Sports bedient sich schon Apostel Paulus im Neuen Testament. Er schreibt in seinen Briefen vom Lauf des Gläubigen auf dem Weg zum ewigen Leben oder von der Anstrengung zur Erlangung des Siegeskranzes. Durch die Begriffe «siegreicher Lauf» und «guter Kampf des Glaubens» wird eine profane und heidnische Wirklichkeit religiös codiert.
Entlehnt hat Paulus diese Sportmetaphern seinen stoischen Quellen und hat sie frei in den theologischen Diskurs über Heil und Glauben einfliessen lassen. In der Folge nahmen die Kirchenväter diese Bilder wieder auf, wollten sie doch die Glaubensinhalte in der heidnischen Gesellschaft verbreiten. Sie taten dies inmitten der Imperien mit ihren Stadien, ihren olympischen Spielen und ihren Gladiatorenkämpfen, also inmitten sportlicher Aktivitäten von unbestreitbarer Ambivalenz.

Doch ist es zulässig, Paulus’ Sportmetaphern einzusetzen, um mit ihnen den religiösen, ja magischen und absoluten Charakter des modernen Sports auszudrücken? Hier stossen wir an eine Grenze, die zu überschreiten wir uns hüten sollten. Gefordert ist vielmehr die kritische Beurteilung der Bedeutung des modernen Sports, insbesondere der sportlichen Leistung in unserer fortgeschrittenen neoliberalen kapitalistischen Gesellschaft.

Berufssportler müssen siegen
Die sportliche Leistung erzeugt unterschiedliche Verhaltensweisen mit je eigenen Zielen. Amateursportler, die regelmässig für den Murtenlauf, für den Berglauf Siders–Zinal, für den Marathon von Biel, Lausanne oder gar New York trainieren, streben in erster Linie die persönliche Leistung, die «gute Zeit», die Verbesserung der Fitness und der mentalen Widerstandskraft an. Wichtig ist nicht der Sieg über die anderen. Was zählt, ist der Sieg über sich selbst oder, mehr noch, Selbstüberbietung und Selbstverwirklichung. Berufssportler kennen ganz andere Massstäbe. Hier ist die Rede vom Sieg um jeden Preis, von unmässigen Salären, von immensen politischen und wirtschaftlichen Erwartungen, von der ständigen Gefahr von Betrug, Korruption oder gewalttätigen Fangruppen.
Das scheinbar uneigennützige Leistungsstreben der Hobbysportler riskiert stets, in das permanente Streben nach Perfektion und Selbstbestätigung zu kippen. Theologisch und spirituell gesehen kann dies in verdienstvolles Tun, aber auch in Selbstrechtfertigung münden. Indem ich mit einer Leistung immer wieder über mich selbst hinauswachse, überzeuge ich mich schliesslich von meinen eigenen Meriten, davon, dass ich «der Sache gewachsen» und «der Beste» bin, dass ich den «Ruhmestitel» erlangt habe. Derselbe Apostel Paulus, der den Weg des Gläubigen mit einer Sportveranstaltung oder olympischen Spielen vergleicht, beschwört uns, uns vor dieser Angeberei oder diesem unangebrachten Stolz zu hüten. Wir sollten uns nicht damit brüsten, selber die Urheber unseres Erfolgs oder unseres Talents zu sein.

Sport schärft Sinn für Strategie
Die Versuchung zur Glorifizierung, zur Glanzleistung, die einzig der Selbstbestätigung dient, ist gepaart mit der mimetischen Rivalität mit dem Gegner, der schon bald zum Feind mutiert. So verkommt der Sieg zum Selbstzweck, wird Ausdruck unseres Begehrens, den anderen zu dominieren. Und unversehens verwandelt sich Wettstreit in Gewalt, Respektlosigkeit und Verachtung. Der Drang zu siegen ist eine Versuchung, die in Fanatismus abgleiten und uns davon abbringen könnte, nach dem Sinn von Leben und Glauben zu fragen.

Trotzdem gibt es keinen Grund, sportlichen Aktivitäten jeglichen schöpferischen Wert abzusprechen. Wettstreit, als Spiel verstanden, ist für das Geschöpf Mensch eine mögliche Ausdrucksform seines Strebens nach Wahrheit, Schönheit und Gerechtigkeit. Wettstreit an sich ist nicht feindselig, gewalttätig oder zerstörerisch. Er strebt nicht zwangsläufig danach, den anderen – physisch, moralisch oder gesellschaftlich – zu eliminieren, vielmehr dient er auch dazu, sich mit dem anderen respektvoll und fair zu messen und ihm dabei die Chance einzuräumen, seinerseits zu siegen. Denken wir an Karten- oder andere Gesellschaftsspiele: Solche Aktivitäten fordern nicht bloss die Intelligenz und die Cleverness des menschlichen Geistes heraus, vielmehr schärfen sie den Sinn für Strategie und Organisation. Sie fördern auch das Gedächtnis und die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung und zur zwischenmenschlicher Kommunikation. Weshalb aber will der Mensch unbedingt siegen? Das wollte Klippies Kritzinger, ein weisser südafrikanischer Theologe und Missionswissenschaftler, von mir wissen, als ich vor einigen Jahren an der Universität Pretoria, Südafrika, eine Vorlesung hielt.
In den Köpfen existiert eine unbewusste Verbindung zwischen der angeblichen Gewaltlosigkeit des Fussballs (um dieses Beispiel heranzuziehen) und der in der Gesellschaft virulenten Gewaltbereitschaft. Indem die dem Fussball eigene symbolische Gewalt vertuscht wird, wird uns vorgegaukelt, es gebe einen olympischen Waffenstillstand oder schlicht eine sportbedingte Auszeit der Gewalt. Zuweilen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, gigantischen und superreichen Organisationen wie dem Weltfussballverband FIFA oder dem Internationalen Olympischen Kommitee IOC gehe es allein um den geordneten sportlichen Verlauf und den maximalen ökonomischen Profit des Wettstreits. Jedenfalls tun sie, als spiele sich der Sport in einer Art no man’s land fern jeder Gewalt, jeder Bedrohung und jeder Angst ab. Sport aber existiert nicht ausserhalb der Welt und der Gesellschaft, sein Feld befindet sich nicht ausserhalb des Feldes, wo sich unsere gesellschaftlichen Konflikte abspielen. Deshalb ist es nicht richtig, dass die FIFA oder das IOC sich der ethischen und politischen Kontrolle ihrer Aktivitäten durch andere Instanzen entziehen.

Freude am Spiel
Im individuellen oder kollektiven Leistungssport – wie im Leben ganz allgemein – geht es nicht bloss um Wettstreit und Sieg. Der Respekt vor dem Gegner setzt die Selbstachtung und eine Ethik des guten Lebens voraus. Gefordert sind eine gesunde Lebensweise und die zweckfreie Freude am Spiel. So gesehen ist der Sport eine Schule des Lebens. Gewinnen ist nicht alles. Ein erfülltes Leben, Spieltrieb und Lebensfreude, ein selbst bestimmtes Leben gemeinsam mit anderen in weniger ungerechten Institutionen und in weniger von Betrug und Korruption gezeichneten Wettkämpfen – das ist es, was zählt.

Noch hat der Leistungssport einen weiten Weg vor sich, will er uns weiterhin erfreuen, ohne uns immer wieder zu enttäuschen. Hin- und hergerissen zwischen seinen Göttern und seinen Dämonen, zwischen abstossender Korruption und erhebender Leidenschaft, stellt er uns unablässig vor die Frage nach uns selbst und unseren Gesellschaften, nach unseren Werten und unseren spirituellen und beruflichen Leistungen.

* Denis Müller ist Professor für Ethik an der Autonomen Fakultät für Evangelische Theologie der Universität Genf und an der Fakultät für Theologie und Religionswissenschaften der Universität Lausanne. Er ist Autor des Buches: «Le football, ses dieux et ses démons. Menaces et atouts d’un jeu déréglé.»  Genf: Labor et Fides 2008.

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