Zwei reformierte Theologen beantworten die Frage ungleich. Den
spätmittelalterlichen Mystikern folgend stellt der Berner Münsterpfarrer Jürg Welter den Menschen unmittelbar vor Gott. Pfarrer Jean-Jacques Beljean erklärt, warum man den Glauben nicht von Beziehungen und somit von der Kirche trennen kann.
Von Jean-Jacques Beljean *
Die Frage ist für unsere Epoche bezeichnend. Sie löst zwei einander entgegen gesetzte Reaktionen aus:
- Glaube ohne Kirche ist nichts; die Kirche überliefert den Glauben und ist selbst Gegenstand des Glaubens, da sie im Heilsplan Gottes der Leib Christi ist.
- Glaube ist eine persönliche, individuelle Angelegenheit; er gehört in den Bereich des Privaten und erfordert keine Zugehörigkeit zu einer Institution oder Kirche.
Im Sinne einer reformierten Theologie versuche ich, auf die Frage eine nuancierte Antwort zu geben: nicht vermittelnd zwischen den beiden Extremen, sondern jenseits des Gegensatzes.
Glaube manifestiert sich in Beziehung
Glaube ist in erster Linie persönliche Zugehörigkeit, nicht aber individuelle Zugehörigkeit. An dieser Nuance entscheidet sich die Antwort auf die Frage nach der Kirche und dem Glauben. Glaube ist ein Entscheid, ein Weg, ein Akt des Vertrauens zwischen einer Person, die zum Glauben gefunden hat, und ihrem Gott. Dieser Akt des Vertrauens beruht auf einer Vergangenheit, einer Begegnung, einer Information, einer Erleuchtung, einem glaubwürdigen Zeugnis und einem Elan des Herzens. Er entzieht sich – als Akt der Liebe – zuerst einmal der Vernunft. Mit Absicht verwende ich den Begriff «Person» und nicht den Begriff «Individuum». Der Glaube geht nicht bloss einen Menschen persönlich an, sondern auch dessen Beziehungsnetz, das familiäre und berufliche Umfeld. Beginnt eine Person an Gott, an Christus, an den Heiligen Geist zu glauben, wird sie Teil eines Beziehungsnetzes. Gemäss dem Bild des christlichen Gottes, der wesentlich Beziehung ist, mündet der Glaubensakt in eine Beziehung, in eine Beziehung zu Gott, aber auch zu den Mitmenschen. In der gesamten christlichen Tradition ist der Glaube an Gott Glaube an die Dreifaltigkeit. Dieser schöpferische Glaube bringt die Kirche hervor, nämlich die Begegnung derjenigen, die einander nahe stehen und denselben Glauben teilen – im Wirkungsfeld des Lebens selbst – und auch die Begegnungen mit Personen, die andere Überzeugungen teilen. Im Christentum ist der Glaube nicht bloss ein mystischer, intimer Akt des Individuums. Vielmehr manifestiert er sich in Beziehung – in göttlicher wie menschlicher Beziehung.
Jesus hat die Kirche geschaffen
Die Kirche ist eine Schöpfung des Glaubens. Jesus Christus hat nicht nur, wie es ein Therapeut in seiner Praxis täte, Einzelnen Ratschläge erteilt. Jesus Christus hat Menschen versammelt und zum Glauben aufgerufen. So hat er die Kirche geschaffen. Anfänglich mit der Berufung von Jüngern, Aposteln, einem Kreis von ihm nahe stehenden Männern und Frauen. Leider haben nur wenige dieser Frauen Eingang in die Überlieferung gefunden – es seien Martha, Maria und die Samariterin erwähnt. Diese Jüngerinnen und Jünger waren als Erste berufen, die Gute Nachricht zu empfangen, also die Verheissung, wonach das Reich Gottes nahe sei. Sie waren berufen, von dieser guten Nachricht zu leben. Nicht nur jede und jeder in ihrem und seinem Herzen, sondern als Gemeinschaft. Diese jesuanische Strategie war von Anfang an derart offensichtlich, dass sich bereits in den Ursprüngen der Kirche Gemeinschaften gebildet haben, um diesen Glauben gemeinsam zu leben und weiterzugeben.
Diese Kirche erachteten die ersten Christen als derart wichtig, dass sie das Bedürfnis verspürten, dieser Kirche bestimmte, bereits im Neuen Testament ersichtliche Organisationsformen zu geben. Für die reformierte Theologie ist die Struktur unverzichtbar, die Formen hingegen betrachtet sie als zweitrangig. Was zählt, sind die Merkmale dieser Kirche: Verkündigung des Evangeliums nach innen und nach aussen; Spendung der Taufe, die Einbindung in Christus und in die Kirche zugleich ist; Feier des Abendmahls; innere und äussere Diakonie; Gebet; Gemeindeleben.
Zurzeit werden alle Institutionen beargwöhnt
Weshalb ist die Frage, ob Glaube auf Kirche angewiesen sei, heute derart aktuell? Gewiss nicht wegen jener «losen Struktur», welche die Gläubigen gebildet haben. Vielmehr wegen der Anonymität und Trägheit von Institutionen aller Art, die im beginnenden 21. Jahrhundert infrage gestellt und beargwöhnt werden: Staat, Armee, Schule, Banken usw. Was die Kirche anbelangt, ist der Argwohn berechtigt, muss sie doch ein mobiler Leib bleiben, dessen Haupt Christus und dessen Leben der Heilige Geist ist. Eine festgefahrene und allzu träge Organisation darf sie nicht sein. Doch man hüte sich, die Organisation als solche und nicht bloss deren Exzesse zu verurteilen. Die Organisation ist sinnvoll und erfüllt wichtige Aufgaben: Die Kirchen übernehmen innerhalb einer Gesellschaft unersetzliche soziale, diakonische und spirituelle Aufgaben. Wenn es um Begleitung und Entfaltung des spirituellen und sozialen Lebens geht, sind ihre Kompetenzen einmalig. Zudem sei an die aktive Solidarität der strukturierten Kirchen mit den Bedürftigen im In- und Ausland erinnert.
Indirekt alimentieren und ermöglichen kirchliche und kirchennahe Institutionen wie etwa die theologischen Fakultäten die theologische Debatte. Die organisierten Kirchen sind Bollwerke gegen die Exzesse der Gesellschaft wie zum Beispiel Totalitarismus oder Individualismus. Die organisierte Struktur von Kirche und wissenschaftlicher Theologie ist nicht selten ein Schutzschild gegen die Instrumentalisierung des Glaubens zu fundamentalistischen, politischen oder finanziellen Zwecken. All dies wäre unmöglich ohne ein solides organisatorisches und institutionelles Fundament.
Der Glaube wirkt in der Gesellschaft
Die Begriffe persönlicher Glaube und Kirche sind nicht inkompatibel. Bringen wir sie zusammen! Individueller, allein gelebter Glaube führt zu Sterilität, Einseitigkeit und Willkür. Der Glaube ist auf die Kirche angewiesen, garantiert sie doch dessen Treue zum Evangelium. Eine überorganisierte Kirche wiederum verdorrt und verkommt zum blinden Machtapparat. Sie ist angewiesen auf den Glauben, wie ihn Calvin, Martin Luther King oder Mutter Teresa gelebt haben, damit sie sich reformieren und verwandeln kann – treu zu Gott, auf den sie sich beruft.
Doch der Glaube greift über die Kirche und deren Rolle hinaus. Er wirkt in der Gesellschaft und für sie. In hohem Masse ist es die Kirche, die es dem Glauben erlaubt, sich als Zeugnis, als Handeln in der Welt herauszubilden, indem sie die Gläubigen theologisch und praktisch ausrüstet. Realität und Praxis sind Prüfstein des Glaubens. Und dies in sämtlichen Lebensbereichen: Im Geschäft, in der Politik, in zwischenmenschlichen Beziehungen. Der biblische, der reformierte Glaube unterscheidet nicht zwischen spirituell und materiell. Es geht ihm um Inkarnation, um die ganze von Gott geschaffene Realität.
Ohne Einbindung in die Kirche und in die Gesellschaft wird der Glaube steril, vergeblich, von seinen Quellen abgeschnitten und deklamatorisch, ja gefährlich. Bringen wir also die Begriffe Glaube und Kirche, Glaube und Gesellschaft zusammen in den Dienst der Nächsten und der Welt!
* Jean-Jacques Beljean ist Pfarrer in Neuenburg und ehemaliger Synodalratspräsident der reformierten Kirche in Neuenburg.
Von Jürg Welter *
Abraham glaubte ohne Kirche. Jakob rang allein mit dem Engel. Einsam glaubte Jesus im Garten Gethsemane. Saulus wurde nicht durch eine Kirche zu Paulus. Simone Weil glaubte, ohne der Kirche anzugehören. Geglaubt wurde ursprünglich ohne Kirche und später oft gegen sie.
Glaube ist nicht das Werk der Kirche
Wir kommen von einer Geschichte her, die sich aus den Ursprungssituationen gelöst hat. Kirche steht heute immer Nichtglauben und Glauben gegenüber. Lebensgeschichtlich kommt sie vor dem Glauben des Einzelnen. Sie bietet den Nochnichtglaubenden Gemeinschaft an, vermittelt, tradiert den Glauben und ermöglicht oder behindert ihn so. Glaube war und ist nie das Werk der Kirche, sondern eine Gnade Gottes.
Kirche braucht Glauben, der kritisches Denken und das Bedenken der eigenen Grenzen in sich vereint. Im Laufe der Kirchengeschichte gab es stets Denk- und Spiritualitätsmodelle, die halfen, den Glauben der Einzelnen wachsen zu lassen. Zu finden sind sie oft in Bewegungen und Denktraditionen, die wir etwas ungenau «mystisch» nennen. Es ging in erster Linie um eine Frömmigkeit, die den Menschen unmittelbar vor Gott stellte und ihn so den Ansprüchen der Institution Kirche entzog. Der spätmittelalterliche Theologe und Philosoph Meister Eckhart sagt in seinen Reden der Unterweisung (Kap. 20): «Lass dir deinen Gott nicht absprechen noch abpredigen.»
Die Seele muss frei sein
Sein Schüler Johannes Tauler formuliert in Predigt 6 zu Mt. 11,29f:
«Der inwendige edle Mensch ist aus dem edlen Grund der Gottheit gekommen und nach dem edlen lauteren Gott gebildet und wird wieder dorthin eingeladen und hineingerufen und hingezogen, dass er all des Gutes teilhaftig zu werden vermag, dass der edle, wonnigliche Grund von Natur besitzt; das kann die Seele durch göttliche gnade erlangen.» Und etwas später: «Oh, wie edel und lauter auch die irdischen Bilder sind, alle sind sie ein Hindernis dem Bild bar jeder Form, das Gott ist.»
Das Hindernis zu Gott ist Tauler folgend nicht unsere Weltlichkeit oder Unfrömmigkeit. Die Kirche(n) selbst, ihre Formen und Dogmen, ihre Gebete, Riten und Wahrheiten sind es. Der Mystiker fährt weiter: «Die Seele, in der sich die Sonne spiegeln soll, die muss frei sein und ledig aller Bilder, denn wo irgendein Bild sich in dem Spiegel zeigt, da vermag sie Gottes Bild nicht aufzunehmen.»
Tauler steht da in der Tradition Eckharts, der eine weg- und masslose Frömmigkeit (einen weg âne weg) vertritt, die den Einzelnen von traditionellen Formen löst. Es geht Eckhart bei der Weiselosigkeit des Verhältnisses Gottes zum Menschen um ein Überschreiten aller Masse, weil Gottes Wirken selbst masslos ist. Soll die Seele für Gottes Selbstmitteilung offen werden, muss sie all ihr Mass und all ihre Massstäbe verlieren und bestimmungslos werden. «Erst wenn sie die wîse der engel und aller geschaffener vernunft überschreitet, vermag sie, Gott und in Gott alle Dinge masslos zu lieben.»
Die Konsequenz aus diesen Gedanken lautet: Es gibt keinen Zugang, keinen Weg zu Gott. In Predigt 5b schreibt Eckhart harsch: «Wer immer Gott auf Wegen sucht, findet Wege und verliert Gott, der auf Wegen verborgen ist.»
Er verweist auf den mittelalterlichen Abt Bernard von Clairvaux, der sagte: «Die Weise Gott zu lieben das ist Weise ohne Weise … Wie lieb wir Gott haben sollen, dafür gibt es keine bestimmte Weise: so lieb, wie wir nur immer vermögen, das ist ohne Weise.» Offenbarung Gottes ist nur möglich, wenn der Mensch seine kreaturhaften Bestimmungen ablegt und in die ursprüngliche Bildhaftigkeit Gottes findet. Solange wir Menschen sind und solange irgend etwas Menschliches an uns lebt und wir uns in einem Zugang befinden, so sehen wir Gott nicht; wir müssen emporgehoben und in lautere Ruhe versetzt werden und so Gott sehen. Die Offenbarung Gottes bedeutet eine solche Überformung durch das göttliche Licht, plötzlich und unvermittelt. Darin werden alle Weisen durch die Gegenwart Gottes überschritten. Dies kann im Seelengrund geschehen; dort ist Gott gnadenhaft und unmittelbar präsent.
Es braucht Wege über lange Zeit
Aus dem Geschilderten ergeben sich einschneidende Konsequenzen für die Frage nach einem spirituellen Weg und der Rolle der Institution Kirche. Die Idee der Weise- und Weglosigkeit lehnt äussere Formen nicht ab, sondern bejaht die Pluralität der Weisen. Im 17. Kapitel der «Reden der Unterweisung» schreibt Meister Eckhart: «Du musst erkennen und darauf gemerkt haben, wozu du von Gott am stärksten gemahnt seist; denn mitnichten sind die Menschen alle auf einen Weg zu Gott gerufen.» Betrachten wir diesen Text genauer, so lässt sich ein aktuelles Programm spiritueller Toleranz und einer Entmächtigung tradierter Formen herauslesen.
Es gelten sechs Grundsätze:
- 1. Gott hat der Menschen Heil nicht an eine besondere Weise gebunden.
- Niemandes Weise verachten.
- Nicht kann ein jeglicher nur eine Weise haben, und nicht können alle Menschen nur eine Weise haben, noch kann ein Mensch alle Weisen noch eines jeden Weise haben.
- Ein jeder behalte seine gute Weise und beziehe alle anderen Weisen darin ein und ergreife in seiner Weise alles Gute.
- Wechsel macht unstet Geist und Weise. Um Geist und Weise zusammenzuhalten, braucht es Wege über lange Zeit; eigentlich sind es fast immer Lebenswege. Das erinnert an einen Gedanken der französischen, jüdischen Philosophin und Mystikerin Simone Weil (1909–1943): Jede Religion ist die einzig wahre; das heisst, in dem Augenblick, da man sie denkt, muss man ihr soviel Aufmerksamkeit entgegenbringen, als gäbe es nichts anderes, ebenso ist jede Landschaft, jedes Bild, jedes Gedicht usw. einzig schön. Zur Synthese der Religion bedarf es nur einer geringwertigeren Aufmerksamkeit.
- Nicht alle Menschen können einem Weg folgen.Soll ein Weg gelebte Spiritualität werden, so muss das Tradierte in einen eigenen Weg verwandelt werden, sonst bleibt nichts als geistlose Form. Ohne eine solche Transformation gibt es keine eigenständige religiöse Erfahrung. Völlig autonome Wege laufen ebenfalls Gefahr, inhaltslos und leer zu werden. Sie bleiben von Tradition, Geschichte und Gemeinschaft abgeschnitten. Für eine lebendige Spiritualität ist das Wechselspiel von Heteronomie und Autonomie befruchtend.
Frömmigkeit entzündet sich an tradierten Wegen und tendiert zugleich zu deren Kritik und Überschreitung. Die Position Meister Eckharts ermöglicht Distanz und Kritikfähigkeit. Sie bejaht die Pluralität der Wege, führt aber darüber hinaus, indem der eigene Weg, insofern er vom Ich geprägt ist, als «eigener» in Frage gestellt wird.
Eckhart postuliert eine Weglosigkeit, die vom Ich, das erfährt, geniesst und beseligt ist, wegführt: «Das bevinden ist nicht in dîner gewalt.»
Eckhart ist aktuell, weil sein Ansatz eine Frömmigkeit kritisiert, die das Ich ins Zentrum setzt. Er individualisiert zwar, aber stellt Individualismus und Ichkult radikal in Frage. Da ist keine Spiritualität, die einem konsumistischen Ich Bedeutung und Mehrwert verschaffen soll. Der Glaubende wird in die Gemeinschaft und die Weltverantwortung zurückgewiesen.
Eckhart stellt in seiner Theologie der Armut (nicht wollen, nicht wissen, nicht haben), der Abgeschiedenheit und des Sichselbstlassens die Macht des Ichs ebenso in Frage wie die «Macht» der Kirche und ihrer Formen.
* Jürg Welter ist reformierter Pfarrer im Berner Münster.
Pfarrer Beljean sagt: “Jesus hat die Kirche geschaffen”. Wenn er Kirche = Gemeinde/Gemeinschaft meint, hat er sicher recht. Jesus hat die Menschen um sich gesammelt und hat gepredigt. Kritische Fragen hat er fast immer mit Gleichnissen beantwortet und erklärt. Er hat das “Wort” ausgelegt. Pfarrer Beljean behauptet, dass die Kirche auf den Glauben angewiesen ist, “wie ihn Calvin, Martin Luther King oder Mutter Teresa gelebt haben”. Pfarrer Welter definiert den Glauben als Gnade Gottes. Warum spricht selten jemand von Ulrich Zwingli? Er ist der Einzige, der die Predigten wie Jesus hielt und auf jede Spiritualität, Liturgie, Rituale, Bilder usw verzichtet hat. Leider, (und warum) gibt es seine “Kirche” heute nicht mehr? Ich bleibe Zwingli treu.
Braucht Gllaube Kirche?
Ich beginne mit vier Zitaten:
Als Gott die Seele schuf, pflanzte er sich als die schönste Pflanze selber drein. Das ist der rechte Weingarten Gottes, da Gott selber Planze drinnen ist .(Meister Eckhard)
Ubi est verbum, ibi est ecclesia. Wo das Wort ist, da ist die Kirche.(Martin Luther)
…also siehet niemand die Kirche, sondern glaubet sie durchs Zeichen des Worts, das unmöglich erschallen kann ausser in der Kirche durch den heiligen Geist. (Martin Luther)
Die heilige christliche Kirche, deren alleiniges Haupt Jesus Christus ist, ist aus dem Worte Gottes geboren, in demselben bleibt sie und hört nicht auf die Stimme eines Fremden. (Schlussreden der Berner Reformation)
Die Mystik eines Meisters Eckhard und eines Pfr. Welters braucht keine Kirche. Die Versenkung in sich selbst genügt. Gott ist in der eigenen Seele zu finden. Ist das christlicher Glaube oder neuplatonische Philosophie?
Ganz anders die Reformation. Da schafft auch nicht die Kirche den Glauben. Sie selber entsteht aus dem Wort und aus dem Wort entsteht auch der Glaube. Dazu noch ein Zitat aus dem Buch “Martin Luthers Theologie” von Oswald Beyer: “Schema Jisrael – Höre Israel” (Dt. 6,4).”Allein die Ohren sind die Organe eines Christenmenschen.” (Luther). Und was ist zu hören – zuerst und zuletzt zu hören? Antwort: Die Evangeliumspräambel des Dekalogs: “Ich bin der Herr dein Gott!” (Ex. 20,2) Von dieser Anrede und Zusage her versteht Luther den Glauben – und nicht etwa umgekehrt: vom Glauben her das anredende Wort. Denn dann wäre das Wort Gottes nur Ausdruck unserer menschlichen Befindlichkeit. Soweit Oswald Beyer.
Für mich geht es hier um eine Grunddifferenz. Neu sind wir gefragt: Was ist Glaube? Was ist Kirche? Wovon lebt der Glaube? Wovon lebt die Kirche? Was ist weiter der Auftrag der Kirche? Genügt es bei mir selbst und meiner Seele zu bleiben?