«Korruption kann alle treffen»

Vor Korruption ist kein Unternehmen gefeit – auch ein Hilfswerk nicht. Beat Dietschy, Zentralsekretär von Brot für alle, des Entwicklungsdienstes der Evangelischen Kirchen in der Schweiz, und Yvan Maillard Ardenti, Verantwortlicher für Faire Finanzen und Korruptionsbekämpfung, erklären, wie sich die Hilfswerke gegen die Gefahr wappnen.

Das Gespräch führe Maja Peter *

Nach dem Spendenaufruf für die Überschwemmungsopfer in Pakistan wurden Bedenken laut, die Gelder landeten in falschen Taschen. Sind sie berechtigt?
Dietschy: Ich kann die Bedenken verstehen, weil Pakistan gemäss Transparency International sehr anfällig ist für Korruption. Zudem hat die Regierung Pakistans keinen guten Ruf in der Schweiz, unter anderem weil die Taliban dort tätig sind. Entscheidender für die Spendenbereitschaft war jedoch, dass sich die Flutkatastrophe langsam entwickelt hat. Dadurch war das Ausmass der Überschwemmungen erst mit der Zeit erkennbar. Doch die Hilfsbereitschaft der Schweizer Bevölkerung war erstaunlich.

Was wird unternommen, damit das Geld bei den Opfern ankommt?
Dietschy: Die Glückskette verteilt die 41 Millionen Franken nicht über Regierungsstellen an die Bedürftigen, sondern über Hilfswerke, die seit langem vor Ort sind, etwa über das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen HEKS oder über die Heilsarmee. Das HEKS führt monatlich ein Monitoring durch über alle Beträge, die geflossen sind. Dazu kommt die Kontrolle durch die Glückskette.

Transparency International schreibt, Hilfswerke seien besonders anfällig für Korruption.
Dietschy: Korruption kann alle treffen. Wo viel Geld und viel Macht vorhanden sind, ist das Risiko am höchsten. Deshalb ist die klassische Entwicklungszusammenarbeit privater Hilfswerke weniger gefährdet als die staatliche, die über viel mehr Mittel verfügt. Am heikelsten ist die Nothilfe, bei der innert kürzester Zeit grosse Summen in den Ankauf von Gütern investiert werden. Wichtig ist, dass sich die Organisationen der Gefahr bewusst sind und die Mitarbeiter auf einen aussagekräftigen Code of Conduct, ethische Richtlinien, verpflichten.

Es gibt Länder, in denen Korruption zum Alltag gehört. Kann man sich als Hilfswerk diesem Mechanismus entziehen?
Dietschy: Man kann Gegensteuer geben, indem man konsequent eine Null-Toleranz-Strategie verfolgt. Per Defi­nition wird bei der «kleinen Korruption» eine Abhängigkeit des Schwächeren ausgenutzt. Die Hilfswerke sind aber nicht unbedingt in einer schwachen Position.

Bedeutet Null-Toleranz, dass ein Hilfswerk Nachteile zulasten der Hilfesuchenden in Kauf nimmt, weil es keine Bestechungsgelder bezahlt?
Dietschy: Ja. Denn wenn man einmal bezahlt, spricht sich das herum und man muss es immer tun. Deshalb empfehlen wir den Hilfswerken Null-Toleranz. Es gibt eine einzige Ausnahme: Wenn es um das Leben einer Person geht, die in einer lebensbedrohlichen Situation steckt.

Heisst das, in Haiti bezahlen unter Umständen auch Entwicklungshilfeorganisationen Bestechungsgelder, um Schwerkranke mit Medikamenten gegen Cholera zu versorgen?
Maillard Ardenti: Man kann Beamten erklären, dass man als Mitarbeiter eines Hilfswerkes den Code of Conduct befolgen muss. Sie sind manchmal überrascht, dass es so etwas gibt, verstehen dann aber, dass man nicht bezahlt.

Ist Korruption ein kulturelles Problem?
Dietschy: Wenn wir das sagen, tun wir, als wären wir davor gefeit und bräuchten in der Schweiz oder Europa keine Gesetze gegen Korruption. Korruption ist Machtmissbrauch eines Amtsträgers zum eigenen Nutzen oder zum Nutzen eines Dritten. Sie schädigt die Prinzipien der Transparenz und der Gleichbehandlung sowie das Gemeinwohl. Das gibt es leider überall.

Was bei uns weniger vorkommt als in Ländern des Südens, ist die sichtbare kleine Korruption. Korruption im grossen Stil, etwa zwischen Unternehmungen und Ratingfirmen, findet jedoch in den entwickelten Ländern statt. Nur ist sie selten nachweisbar.
Maillard Ardenti: Die Annahme von Geldern aus Korruption durch Schweizer Banken wurde durch das Bankgeheimnis lange Zeit geschützt. Auch Vetternwirtschaft ist hier gang und gäbe, insbesondere im Baubereich. Als kulturelles Phänomen würden wir Schweizer die Vetternwirtschaft oder das Bankgeheimnis trotzdem nicht bezeichnen.

Warum engagiert sich Brot für alle gegen Korruption?
Dietschy: Es ist unsere Pflicht. Denn Korruption macht die Armen noch ärmer und der Machtmissbrauch, der damit verbunden ist, bedrängt die Schwachen. Schon im zweiten Buch Mose des alten Testamentes heisst es: «Bestechungsgeld sollst Du nicht annehmen, denn es macht Sehende blind und verdreht die Sache derer, die im Recht sind.» Korruption schadet der Entwicklung sehr vieler Länder enorm.

Maillard Ardenti: Brot für alle macht Entwicklungspolitik. Wenn Gelder aus dem Süden abfliessen, etwa auf private Bankkonten in der Schweiz, steht im betroffenen Land weniger Geld für Spitäler, Schulen und Infrastruktur zur Verfügung.

Was unternimmt Brot für alle konkret gegen Korruption?
Dietschy: Wir engagieren uns erstens in der Prävention und fordern zweitens von den Staaten Sanktionen. Die Prävention ist wichtig, weil der Nachweis von korruptem Verhalten selten gelingt. Sie beginnt mit der Analyse der eigenen Organisation: Wo sind die Schwachstellen, wo vereint eine Person viel Macht auf sich? Die Möglichkeiten für Bestechung müssen eingeschränkt werden. Zum Beispiel durch das Vier-Augen-Prinzip:, Zahlungsaufträge sollten immer von zwei Personen signiert werden. Die Organisation soll Ehrlichkeit, Transparenz und Rechtstreue hochhalten und fördern. Wir haben zwei Broschüren für Nicht-Regierungsorganisationen herausgegeben zur Evaluation der Risiken in der eigenen Organisation mittels eines Ratgebers und einer Checkliste.

Brot für alle ist seit 2003 beteiligt an einer Sensibilisierungskampagne in westafrikanischen Kirchen und Schulen. Warum diese beiden Institutionen?
Dietschy: Einerseits, weil Kirchen und Schulen auch betroffen sind von Veruntreuung, Vetternwirtschaft und Bestechung. Anderseits haben Kirchen einen hohen moralischen Anspruch. Sie sind an einem guten Ruf interessiert. Und in den Schulen werden die Jugendlichen sensibilisiert für Machtmissbrauch. Sie tragen das Thema nach Hause und in die Gesellschaft.

Was haben Sie mit der Kampagne erreicht?
Maillard Ardenti: Dank der Zusammenarbeit mit natio­nalen Kirchenräten Westafrikas konnten wir 300 Schulen mit 600 000 Schülerinnen und Schülern über das Thema informieren. 70 Prozent von ihnen waren an der Schule schon einmal mit Korruption konfrontiert. Lehrer verlangten zum Beispiel für gute Noten Sex. Zur Kampagne gehörten Clubs, Videos, Lied- und Gedichtwettbewerbe sowie Sketches. Durch die öffentliche Diskussion wurde den Betroffenen der Rücken gestärkt. Danach haben sich einige Schulen offiziell zu «korruptionsfreien Schulen» erklärt.

Dietschy: Mit den Kirchen wurden theologische Argumente für Predigten gegen Korruption erarbeitet. Wir arbeiten darauf hin, dass in fünf Ländern Westafrikas Antikorruptionskommissionen der Kirchen eingerichtet werden.

Was tut Brot für alle auf politischer Ebene gegen Korruption?
Dietschy: Wir setzen uns im Süden für eine bessere Entlöhnung von Lehrpersonal und für den Schutz von Whistleblowern ein, also von Menschen, die Missstände in einer Organisation anprangern. In diesem Bereich hinkt auch die Schweiz hinterher. Zudem sollte das Missverhältnis zwischen den Ressourcen der Strafbehörden gegenüber jenen des organisierten Verbrechens korrigiert werden.

Woran mangelt es in der Schweiz sonst noch?
Dietschy: Es liegt noch immer von Diktatoren veruntreutes Volksvermögen auf Schweizer Konten. Die neue Gesetzgebung zur Rückführung solcher Potentatengelder bringt einen grossen Fortschritt mit sich: In Zukunft werden die Diktatoren beweisen müssen, dass sie ihr Geld rechtmässig erwirtschaftet haben.

Maillard Ardenti: Leider hat diese neue Gesetzgebung noch Lücken: die Schweiz erwartet immer noch ein Rechtshilfegesuch des Landes. Die Verantwortlichen dort sind meist eng verbunden mit dem Potentaten, weshalb es selten zu Rechtshilfebegehren kommt – oder zu spät.

* Maja Peter ist Redaktorin des bulletins.

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2 Antworten zu «Korruption kann alle treffen»

  1. Micha Hera schreibt:

    Korruption ist Alltag! Auch in Deutschland. In Rheinland Pfalz habe ich das am eigenen Leib erfahren. Als ich nicht mitgemacht habe …. Verlust der Stelle und das Ganze auch noch durch die ADD (Aufsichts-und Dienstleistungsdirktion) gedeckt. Als ich auspacken wollte, da wurde mir gedroht, dass auch an mir etwas “hängen bliebe” und ich, in meinem eigenen Interesse den Mund halten solle! Ich habe vier Kinder und kann es mir nicht leisten meinen Job zu verlieren!

  2. Knut Neuenfeldt schreibt:

    Ach was, in der Schweiz gibt es doch keine Korruption.Lach.Einer der heissesten Witze des 21. Jahrhunderts.
    Korruption wird hier eben anders definiert.Würde mich mal interessieren wie die Bezeichnung / Verklausulierung dafür in Mundart ist.Wird ja wohl nicht mit “Seich” gleizusetzen sein.Laut Lach.

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